„Taktisch Wählen“Ganz einfach?
**Dieser Artikel setzt sich kritisch, tiefgehend und differenziert mit der Kampagne „Taktisch Wählen“ auseinander. Es handelt sich also weder um einen Verriss noch um Lobhudelei. Für die Recherche habe ich vorab mit Ole Horn gesprochen, der Mitinitiator und Pressesprecher für die Kampagne ist.**
### Info
Ich freue mich sehr auf den**Migrastreik am 26.8.** und die **Antirademo am 29.8.** in Magdeburg. Das sind Aktionen, die meiner Meinung nach in die richtige Richtung gehen und ich möchte die Gelegenheit nutzen um mich bei den Organisierenden zu bedanken!
Die Wahl in Sachsen-Anhalt… Ich weiß ja nicht wie es bei euch ist, aber ich beschäftige mich schon seit zwei Jahren mit dieser Wahl. Schon letztes Jahr fing auf einmal an, sich mein Leben zu spalten – in ein „Davor“ und ein „Danach“. Wie Saaeid Saaeid (Aktivist aus Magdeburg) es ebenfalls beschreibt, fing auch mein Leben an sich zunehmend um diese Wahl zu drehen. Ich sagte Sätze wie „Lass mal die Wahl abwarten.“ Oder „Keine Ahnung, ob ich nach der Wahl noch hier bin und das übernehmen kann.“. Es ist dieses paradoxe Gefühl von einem Zug, der schleichend auf einen zurast. Meine Unsicherheiten und Ängste nahmen im Laufe des Jahres immer weiter zu. Dabei hilft es auch gar nicht, dass gefühlt jeden Tag ein neuer Beitrag erscheint, der sich damit auseinandersetzt, was passiert **wenn** die AfD die absolute Mehrheit holt. Dabei spüre ich häufig eine Sensationslust bei den Journalist*innen, die vollkommen ignoriert, was es für die Menschen, und vor allem für Migras, bedeuten könnte, wenn die AfD an der Regierung ist. Es stehen Existenzen und Leben auf dem Spiel.
Als Mensch der migrantisiert wird, Queer, Trans*, anarchistisch und chronisch krank ist, fühlt es sich gleich wie mehrere offene Flanken an, die verletzbar daliegen. Jeden Tag verbringe ich stundenlang mit Nachrichten und analysiere die Folgen, die diese für mich und mein Umfeld haben werden. Das bedeutet Intersektionalität eben auch – viele Kämpfe gleichzeitig führen zu müssen und an mehreren Fronten angreifbar zu sein. Früh fing ich an mich mit den Umfragen auseinanderzusetzen und schnell wurde mir klar: SPD und Grüne könnten an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern und das hätte verheerende Konsequenzen. Zuerst spürte ich ein großes Unbehagen. Ich habe mich schon häufig mit beiden Parteien gestritten und gerade die Grünen fallen immer wieder durch die größte Heuchelei auf. Dennoch war mir schon Anfang des Jahres an klar: Diese Parteien müssen in den Landtag. Die ZEIT und andere haben inzwischen viele verschiedene Modelle berechnet. Es kristallisiert sich heraus: Sollten die Grünen und die SPD den Einzug in den Landtag verpassen, liegt die Wahrscheinlichkeit einer absoluten AfD-Mehrheit und damit einer rechtsextremen Regierung bei 71%. Dann würden die weggefallenen Sitze von SPD und Grünen unter den verbliebenen Parteien aufgeteilt werden, wovon vor allem die AfD profitieren würde. Sollten sie den Einzug aber schaffen, verringert sich die Wahrscheinlichkeit auf 13%. Immer noch zu hoch, aber dennoch ein deutlicher Unterschied. Sollten die beiden Parteien den Einzug verpassen, profitiert nur die AfD. Ich habe meine Friends schon Ewigkeiten mit diesen Berechnungen und Gedanken gernervt und dachte, dahingehend müsste noch viel mehr aufgeklärt werden. Dementsprechend erleichtert war ich, als die Kampagne „Taktisch Wählen“ vor ein paar Wochen auf den Plan trat.
## Was ist die Kampagne „Taktisch Wählen“?
Bevor jetzt Menschen Schnappatmung bekommen: Weder ich, noch die Kampagne „Taktisch Wählen“, noch „The Goodforces“ oder die Grünen wollen euch vorschreiben, was ihr wählen müsst.
Aber ganz von vorne.
„Taktisch Wählen“ 2026 ist eine Kampagne aus Sachsen-Anhalt. Sie versucht, Learnings aus den vergangenen gleichnamigen Kampagnen 2024 zu ziehen. Es gibt personelle Verschränkungen mit dem Team von 2024, aber dennoch ist es Ole Horn wichtig zu betonen, dass die Kampagne in diesem Jahr vor allem von Menschen in Sachsen-Anhalt getragen wird. Sie besteht aus zwei Teilen: Ein Orgateam aus 10-15 Personen übernimmt die Organisation von 6 Aktionswochenenden für die sich insgesamt über 300 Menschen aus Sachsen-Anhalt und darüber hinaus angemeldet haben, um vor allem in Halle, Magdeburg und Dessau die ungefähr 12.000 fehlenden Stimmen für die Grüne und SPD zusammenzukratzen. Es ist kein inhaltlicher Wahlkampf für diese Parteien, es geht eher darum über die derzeitige Lage zu informieren und Möglichkeiten zur Verhinderung einer AfD Regierung aufzuzeigen. Neben dem Haustürwahlkampf flyert die Kampagne, betreibt Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Daneben bildet der Hauptkern eine Website. Auf dieser Website ist es möglich, deinen Wahlkreis einzugeben und Empfehlungen für die Erst- und Zweitstimme zu bekommen.
Für die Zweitstimme gibt es mit Grünen und SPD überall die gleiche Empfehlung. Bei der Erststimme richtet sich die Empfehlung nach den*der Kandidat*in die*der im jeweiligen Wahlkreis die meisten Chancen hat, die AfD zu schlagen. Bis auf einen Wahlkreis ist das immer die CDU. Falls sich ein*e Kandidat*in explizit gegen die Brandmauer oder für eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgesprochen hat, folgt eine Formulierung, in der betont wird, dass diese*r Kandidat*in deshalb nicht empfohlen werden kann. Wahlverhalten oder Inhalte der jeweiligen Kandidat*innen werden hierbei nicht berücksichtigt. Das Ziel ist einfach zusammengefasst: Eine absolute AfD-Mehrheit und eine Beteiligung der AfD an einer Regierung zu verhindern. Die Kampagne sieht sich, laut Ole Horn, dabei als „letztes Mittel“ und arbeitet eng mit anderen Kampagnen, Organisationen und Parteien (Linke, Grüne, SPD und punktuell mit einzelnen Menschen aus der CDU) zusammen. Ihnen ist es wichtig zu betonen, dass sie sich als Teil anderer Kampagnen verstehen, die sich gegen eine AfD Mehrheit engagiert und gegen keine „demokratische“ Partei oder Organisation arbeiten will. Laut dem Pressesprecher versteht sich die Kampagne explizit nicht als Orga gegen die Linkspartei. Das haben sie laut eigener Aussage auch vorab mit Menschen von der Linkspartei abgesprochen, damit sich diese nicht vor den Kopf gestoßen fühlt. Sie sei ein Feuerlöscher, ein Notnagel und keine langfristige Lösung. Es gehe darum, zu retten, was noch zu retten ist. Ihre Mitstreiter*innen arbeiten zum größten Teil unbezahlt und stammen aus dem gesamten demokratischen und linken Spektrum. Manche engagieren sich in verschiedenen Parteien, viele aber auch nicht, sondern wählen andere Möglichkeiten, um sich politisch einzubringen.
Auch verschiedene Perspektiven fließen mit in die Arbeit ein. So engagieren sich viele Queere Menschen und Menschen, die von verschiedensten Diskriminierungen betroffen sind. Migrantische Perspektiven fließen ebenso hinter den Kulissen in die Arbeit mit ein. Nicht alle wollen aus Sicherheitsgründen in die Öffentlichkeit, weshalb die Kampagne auf Social Media sehr weiß wirkt. Ihre Expertise stützen sie auf den Austausch mit Expert*innen aus der Wissenschaft und Politik und eigener politischer Erfahrung. Ich hatte in dem Gespräch den Eindruck, dass sehr viel Wert auf Professionalität und Pragmatismus gelegt wird. Ebenso hatte ich den Eindruck, dass die Kampagne sehr selbstkritisch und reflektiert unterwegs ist, auch wenn ich das Gefühl habe, dass ihnen nicht immer gelingt, das nach außen zu tragen. Viele fühlen sich mit taktischem Wählen nicht so wohl, sehen aber so kurz vor der Wahl keine andere Möglichkeit mehr. Kritik nehmen sie ernst und sind auch immer offen für Gespräche. Wichtig hierbei: Es gehe ihnen nicht um politische Inhalte oder parteipolitische Diskurse, sondern viel mehr darum, überhaupt noch politische Diskursräume nach der Wahl zu haben, und nicht auf einmal im Faschismus mit bewaffneten Bürgerwehren aufzuwachen, wie die AfD es sich wünscht. Es gehe darum, der Demokratie ein bisschen Luft zu schaffen. Das Engagement der Einzelpersonen würde nach der Wahl weitergehen, wenn auch nicht die Kampagne.
Es war ganz interessant zu beobachten, wie sich der Wind gedreht hat. Zuerst wurde die Kampagne (meist auf Nachfrage der Influencer*innen selber) sehr positiv von vielen politischen Influencer*innen beworben. Und dann auf einmal folgte ein Shift. Aufgeregte Menschen in schnellen Reels werfen der Kampagne eine Verschwörung vor und zerreißen sie in der Luft, viele Gerüchte fliegen umher. Auf einmal soll das Engagement der vielen Menschen, die vor allem aus Sachsen-Anhalt kommen, nichts mehr wert sein. Es heißt, taktisch Wählen sei gefährlich. Auffällig hierbei: Meist wurde nicht der Austausch mit den Verantwortlichen gesucht, sondern einfach drauf losgeballert. Differenzierte Kritik gab es wenig. Zeit, sich das mal genauer anzuschauen.
## Verbindungen zu „The Goodforces“ und Grünen
Das erste trat eine Kampagne „Taktisch Wählen“ zu den Landtagswahlen 2024 in Erscheinung. Da ginge es vor allem darum, eine Sperrminorität der AfD zu verhindern und der Partei die Linke in Brandenburg über die Fünfprozenthürde zu helfen (was leider nicht geschafft wurde) . Damals trat die Kampagne vor allem online auf, einen Haustürwahlkampf gab es nicht. Dieses Jahr sollte die Kampagne größer aufgestellt werden und dafür brauchte es Unterstützung und Geld. Menschen, die die Kampagne für 2024 aufgestellt haben, arbeiten zum Teil bei „The Goodforces“ und unterstützen jetzt in Sachsen-Anhalt. Wichtig hierbei: Idee und Gestaltung der Kampagne käme nicht von den Menschen 2024, sondern liegt bei Menschen die zum großen Teil in Sachsen-Anhalt leben. Ole Horn zum Beispiel lebt schon sein ganzes Leben hier. Als eine Trägerorganisation für die Kampagne 2026 gesucht wurde, lag „The Goodforces“ nah, da hier schon Verbindungen bestanden hätten.
„The Goodforces“ ist seit 2024 eine Kampagnenorganisation mit Sitz in Berlin, die versucht, bundesweit Diskursräume wieder „progressiver“ zu machen und Aufmerksamkeit zu organisieren, wo sie gebraucht wird. Ihre finanziellen Mittel beziehen sie aus politischer Kommunikationsberatung für Parteien, NGOs und verschiedene Unternehmen. Lässt sich unter dem Label des „Grünen Kapitalismus“ ganz gut beschreiben. Patrick Haermeyer und Peter Jelinek sind unter anderem die Köpfe hinter diesem Unternehmen. Beide haben Verbindungen zur Grünen. Dabei ist aber wichtig zu betonen, dass das jeweils nur ein Punkt in ihrer Laufbahn ist. Auch wenn sie und „The Goodforces“ immer wieder die Grünen unterstützen, ist „The Goodforces“ dennoch parteiunabhängig. Auf der Website von „Taktisch Wählen“ taucht Patrick Haermeyer im Impressum auf. Nach Ole Horn, tue er dies nur, weil er die rechtliche Verantwortung trägt. Dementsprechend würde er zwar über die Vorgänge gebrieft werden, die Entscheidungen und die Gestaltung der Kampagne würde allerdings in Sachsen-Anhalt übernommen werden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass eine Trägerorganisation für die Kampagnenarbeit von Vorteil sein kann. Sie übernimmt die rechtliche Verantwortung und die finanzielle Verwaltung, aber die tatsächliche Ausgestaltung bleibt bei einem selbst. Ole Horn versteht, dass die (politischen) Hintergründe der beteiligten Personen wichtig sind. Im Falle von Patrick Haermeyer würde aber der Einfluss vollkommen überschätzt. Nach langwieriger Analyse bin ich mir sicher, dass „Taktisch Wählen“ von den Grünen und der SPD unabhängig ist. Es handelt sich nicht um Parteikader, die versuchen, ihrer Partei noch ein paar mehr Stimmen zu verschaffen. Ole Horn sagt selber, dass er das offen tun würde, wenn er das wirklich wollen würde. Für ein Versteckspiel besteht kein Grund. Ich bin mir sicher, dass „Taktisch Wählen“ genauso für die Linken campaignen würde, wenn diese an der Fünf-Prozent-Hürde kratzen würde. Ob „The Goodforces“ in diesem Fall die Trägerschaft übernommen hätte, lässt sich allerdings schwer sagen. Diese Frage spielt für mich eine untergeordnete Rolle. Denn „The Goodforces“ leiste vor allem Arbeit im Hintergrund, wie zum Beispiel die technische Betreuung der Website. Den Hauptteil übernehmen Menschen aus Sachsen-Anhalt, die einfach nicht unter einer faschistischen Regierung leben wollen. Sie sehen sich nicht als Teil von größeren Plänen, wie sie „The Goodforces“ anstrebt.
„The Goodforces“ übernimmt auch die Finanzierung der Kampagne (Flyer, Website, Öffentlichkeitsarbeit etc.). Diese muss sie laut den Transparenzgesetzen als Wahlwerbung für die SPD und Grüne anzeigen, da sie für diese in der Zweitstimme wirbt. Wichtig zu betonen: Das Geld geht zu 100% an die Kampagne „Taktisch Wählen“. Kein Cent fließt an die beiden Parteien. Verständlich, dass das zu Missverständnissen führen kann. Hier hätten Kritiker*innen aber auch einfach direkt nachfragen können, anstatt unhinterfragt Fakenews zu verbreiten. Zusammengefasst: Nur weil Menschen Verbindungen zu bestimmten Parteien haben, heißt nicht, dass alles was sie tun für die jeweilige Partei ist, oder sie geheime Ziele verfolgen.
## Die CDU
Der Stein im Schuh der Kampagne ist meiner Meinung nach die Werbung für die CDU. Im Gespräch habe ich gemerkt, dass das gerne runter gespielt und als alternativlos betrachtet wird, weil die CDU in den meisten Wahlkreisen die größten Chancen, hat die AfD zu schlagen. Dabei hätte es auch Alternativen gegeben. Meine favorisierte Möglichkeit wäre gewesen, zu dem jeweiligen Wahlkreis die jeweils zweitstärkste Partei anzugeben. Wenn die Person von der CDU ist, hätte ich im nächsten Schritt die danach kommende Person von SPD/Grünen/Linken mit angegeben. Das wäre natürlich mehr Arbeit gewesen, aber die Wählenden hätten die Möglichkeit gehabt, selber diese schwierige Entscheidung zu treffen und die Kampagne hätte sich abgesichert.
Ich begrüße zunächst, dass sie manche CDU-Kandidat*innen ausschließen, aber finde die Grundlage dafür viel zu dünn. Es kann nicht der einzige Faktor sein, ob Kandidat*in XY sich schonmal explizit für eine Zusammenarbeit mit der AfD ausgesprochen hat oder nicht. Zumal der Grund hierfür auch nicht gerade von einer ausgesprochenen Menschenfreundlichkeit angetrieben sein muss, sondern auch einfach reine Machtkalkulation sein kann. Schließlich hat die AfD die CDU zum politischen Feind erklärt.
Ich verstehe, dass die Kampagne explizit auf politische Inhalte verzichtet um möglichst viele Menschen zu erreichen, aber die Brandmauer als Grundlage reicht alleine einfach nicht aus, es kommt auf die Inhalte und das Abstimmungsverhalten der einzelnen Kandidat*innen an, ansonsten ist eine Brandmauer wertlos. Wenn wir AfD-Politik im CDU-Gewand bekommen, ist uns damit nicht geholfen, eher im Gegenteil. Von der Gefahr von Überläufer*innen nach der Wahl mal ganz abgesehen.
Auf die Frage, was sie tun würden, falls die CDU ihr Wort bricht und doch mit der AfD zusammenarbeiten sollte, weist Ole Horn jede Verantwortung von sich und der Kampagne. Mensch könne sich nur auf das verlassen, was der Landesverband und die CDU-Kandidat*innen sagen. Die CDU-Politik sähen er und „Taktisch wählen“ auch kritisch und er verstehe den Punkt. Ändern wollen sie es trotzdem nicht, da sie Angst vor Stimmensplitting haben. Tatsächlich verstehen sie die CDU als verlässlichen Partner für die Demokratie. Und da frage ich mich schon, woher das kommt.
Was ist in letzter Zeit so passiert? Es ist noch nicht so lange her, dass wir alle auf der Straße waren, weil Merz´ CDU mit der AfD gemeinsam abgestimmt hat. Gegen ein CDU-Mitglied wird wegen Volksverhetzung ermittelt, weil er Muslim*innen vergasen will. Gerade erst wurde bekannt, dass ein CDU- Bürgermeister aus Sachsen-Anhalt der AfD 10.000€ gespendet hat und für die Wahl der AfD wirbt und selber für sie abstimmen will.
Sven Schulze (derzeitiger Ministerpräsident für die CDU von Sachsen-Anhalt) hat die Zwangsarbeit für geflüchtete Menschen beschlossen. Zum Anschlag auf den Berliner CSD, sagt er in einem Interview für Deutschlandfunk am 27. Juli, dass er Menschen, „die unsere Kultur nicht akzeptieren […], die uns als Land, als Staat und als Gemeinschaft ablehnen“ nicht in Deutschland haben möchte. Er bezieht die Ablehnung dieser Werte explizit auf eine genetische Herkunft und auf „eine Religion“, wobei er den Islam zu meinen scheint. In die gleiche Reihe stellt er den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt 2024, obwohl nach einer langfristigen Auswertung Rechtsextremismus und eben nicht Islamismus die Tatmotive des Täters geprägt zu haben scheinen. In seiner Aufzählung von Anschlägen, die uns in den letzten Jahren erschüttert hätten, erwähnt er den Anschlag von Halle und Wiedersdorf erst gar nicht. Für ihn scheint nicht jeder Extremismus ein Problem zu sein, sondern nur dann, wenn sich eine Person mit der falschen Hautfarbe radikalisiert. Dabei sind die Parallelen zwischen Islamismus und Rechtsextremismus frappierend. Gleichzeitig scheint er implizit auf die Rassenideologie der AfD anzuspielen, die zwischen „Passdeutschen“ und „Biodeutschen“ unterscheiden will und langfrstig „Passdeutsche“ „remigrieren“ möchte. Was Sven Schulze als jetziger und vielleicht zukünftiger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt da macht, gibt mir als Mensch, dessen Vater aus dem Libanon geflohen ist, nicht gerade ein sicheres Gefühl. Er macht den Fehler, mit dem die CDU die AfD verdoppelt hat: Im rechten Lager fischen und damit die rechtsextremen Positionen der AfD legitimieren. Den Preis dafür zahlen letztendlich rassifizierte Menschen.
In Berlin hat ein Video einer CDU-Politikerin dafür gesorgt, dass ein Schwarzer Verein mit Hass überzogen wird und einen Safer Space für Schwarze Kinder und Jugendliche an der Volksbühne absagen musste. Auf EU-Ebene haben CDU und AfD gemeinsame Chatgruppen. Zusammen haben sie Abschiebegefängnisse für geflüchtete Menschen in Drittstaaten beschlossen. Die anschließenden „Send them back“- Rufe im Plenarsaal werde ich nie wieder vergessen. Zuletzt kam es auch immer wieder zu prominenten Parteiaustritten, wie zum Beispiel den von Michel Friedmann, da einige Mitglieder den derzeitigen Kurs der CDU gefährlich finden. Jetzt beschließt Merz mit seinem Kabinett eine Kürzung nach der anderen und macht damit (armen) Menschen das Leben zur Hölle. Die CDU hat die AfD verdoppelt, anstatt sie zu halbieren.
Viele dieser Fälle sind der Kampagne „Taktisch Wählen“ auch bekannt. Ob es Naivität, Verzweiflung, Realitätsverweigerung oder tatsächliche Überzeugung ist, die sie dennoch dazu bringt, dem Wort der CDU zu glauben, kann ich nicht nachvollziehen. Die CDU zeigt sehr klar, wofür sie steht und das ist vor allem Rassismus. Wer dennoch für sie wirbt, muss sich auch gefallen lassen, mit in die Verantwortung gezogen zu werden, sollte die CDU mit der AfD zusammenarbeiten.
Ich denke nicht, dass es die Kampagne komplett entwertet, aber ich hoffe, dass es ein Learning daraus geben wird und dass sie die Unterstützung der CDU nicht bereuen müssen.
Die CDU werde ich jedenfalls niemals wählen. Für mich steht sie nicht zu den Menschenrechten und bedroht direkt meine Lebensweise.
Aber das ist eben der Punkt von „Taktisch Wählen“: Es geht nur um Mathematik und nicht um Inhalte. Das ist Stärke und Schwäche der Kampagne zugleich. Und es gilt auch, dass es nur Empfehlungen sind, den eigenen Kopf muss mensch natürlich trotzdem anschalten.
## Die Linke
Immer wieder höre ich das Argument, dass für die Zweitstimme doch ebenso ausschließlich die Linke beworben werden könnte, also dass Grünen- und SPD-Wähler*innen doch ebenso alle die Linke wählen könnten. Ich finde, das klingt sehr nach Einheitsfront. Hier stellt sich für mich die Frage, mit wem die Linke dann Politik machen soll. Es macht durchaus Sinn, verschiedene Parteien im Parlament zu haben, die gemeinsam in Ausschüssen arbeiten können und gemeinsame Anträge einbringen können. Ebenso kann die Linke kaum was umsetzen, sollte die AfD regieren. Ole Horn sagt, dass die Kampagne außerdem nicht die Kapazitäten hätte, so viele Menschen zu überzeugen. Das wären schließlich bis zu 9-12 % der Wählenden im Gegensatz zu 1-2% auf die sie gerade abzielen. Es ist also wahrscheinlicher die 1-2% für die SPD und Grüne zu organisieren, als alle SPD- und Grünen-Wähler*innen davon zu überzeugen, ausschließlich die Linke zu wählen.
Viel wird behauptet, „Taktisch Wählen“ würde nur bei Wähler*innen der Linken fischen. Für diesen Effekt gibt es aber derzeit keine Belege. Während die Linke stabil bei 12- 14 % (je nach Umfrage) liegt, konnten sowohl SPD wie auch Grüne sich verbessern und würden nach jetzigem Stand den Einzug schaffen, wobei Umfragen natürlich nur bedingt aussagekräftig sind. Die Stimmen scheinen also woanders herzukommen. Laut Ole Horn werde ein Faktor in der Analyse häufig vernachlässigt:
Die Kleinstparteien. Obwohl sogar einzelne Mitglieder die Entscheidung kritisieren und nicht mitziehen, scheint der Landesverband von VOLT ziemlich viel Geld in den Wahlkampf zu stecken (nach den vielen Plakaten zu urteilen), obgleich sie ziemlich sicher auch dieses Jahr nicht den Einzug schaffen werden und somit ihre Stimmen verfallen können. Ungeachtet dessen, das es gerade auf jede Stimme ankommt. Diese Verantwortungslosigkeit wird interessanterweise selten kritisiert. Leute, bitte wählt dieses Mal keine Kleinstpartei!
Es ist durchaus auch denkbar, dass aus diesem Lager die zusätzlichen Stimmen kommen. Ebenso wäre ein Zustrom aus der CDU denkbar. Schließlich spricht „Taktisch Wählen“ mit allen Menschen, die ihnen die Tür öffnen. Sie zielen nicht auf Linke-Wählende ab.
In diesem Zusammenhang stellt sich mir eh die Frage, ob die Menschen, die der Kampagne vorwerfen, der Linken Stimmen wegzunehmen, sich schonmal mit dem Landesverband unter Eva von Angern auseinandergesetzt haben. Ich sage mal so: So progressiv und linksradikal, wie ihr vielleicht denkt, ist diese Partei nicht. Ich habe jedenfalls selten was peinlicheres gesehen als das Schlingern, nachdem Pantisano der CDU vorgeworfen hat, faschistische Politik zu betreiben (wo bestehen da überhaupt noch Zweifel, lol). Ihr Rumschleimen Richtung CDU mag zwar nötig sein, ist aber auch maximal unangenehm. Mal ganz abgesehen von Antisemitismusskandalen und vielem mehr. Sahra Wagenknecht war vor der Gründung des BSW ein gern gesehener Gast im Landesverband. Als Anarchist*in vertraue ich jedenfalls keiner Partei. Ich glaube auch nicht, dass auch nur eine Partei die Rechte von geflüchteten Menschen wirklich verteidigen wird, wenn es darauf ankommt. Aus der Opposition sind Werte natürlich einfacher zu behaupten.
Mein größter Mindblow dieses Jahr war die Erkenntnis, dass es anscheinend Menschen gibt, die sich tatsächlich von Parteien vertreten fühlen, ihnen vertrauen und nur in ihrem eigenen Interesse wählen und dabei nicht an das Allgemeinwohl denken. Für diese Menschen scheint strategisches Wählen tatsächlich neu zu sein. Ich jedenfalls habe schon immer taktisch gewählt und dabei Kompromisse gemacht. Menschen, die in ihrem politischen Wirken richtigerweise auf das Allgemeinwohl pochen, wollen aber gerade beim Wählen ihre eigenen Interessen vorne anstellen? Bei der Debatte um „Taktisch Wählen“ beschleicht mich das Gefühl, dass das Verständnis dafür verloren gegangen ist, dass verschiedene Strategien gleichzeitig gefahren werden müssen und dass nicht eine Strategie alles kann oder muss. Ich bin jedenfalls um jeden Menschen froh, der sich in Sachsen-Anhalt gegen die AfD engagiert, auch wenn ich nicht mit allem zu 100% übereinstimme. Außerdem scheint sich der berechtigte Frust über unsere Situation, über die eher mutlosen Kampagnen und Wahlkämpfe, bei den falschen Menschen niederzuschlagen. Anstatt, dass eine lautstarke Gerechtigkeitsdebatte angestoßen wird, zerfleischen wir uns eher gegenseitig. Ist es ein Armutszeugnis, dass es so eine Kampagne überhaupt braucht? Definitiv, aber Schuld daran sind nicht die Menschen, die sich engagieren. Ich teile nicht das gleiche Demokratieverständnis wie die Kampagne, aber ich denke mit der Empfehlung der Grünen und SPD für die Zweitstimme haben sie recht.
Mir kommt diese Debatte sehr privilegiert vor. Wir können froh sein, dass wir überhaupt wählen dürfen. Die Politik der AfD wird nämlich eine Gruppe besonders schnell und hart treffen: Menschen ohne Deutsche Staatsbürgerschaft, die nicht wählen dürfen. Also bitte reißt euch mal zusammen, denkt mit und wählt taktisch!
### Über Yamin
Ich habe 9 Jahre lang antirassistische, antifaschistische und antisemitismuskritische Arbeit in Sachsen-Anhalt parteiunabhängig und in verschiedenen Organisationen vorangetrieben. Wegen der aktuellen Bedrohungslage habe ich mich dazu entschieden, kurz vor der Wahl wegzuziehen. Ich will aber weiterhin gegen die AfD und für Sachsen-Anhalt kämpfen. Mir liegen die Menschen hier weiterhin am Herzen und ich mache mir große Sorgen.