Warum der Heidenauer Beschluss gegen neue Stolpersteine ein Tabubruch ist
Der Beschluss des Heidenauer Stadtrats hat bundesweit Empörung ausgelöst: Auf einen gemeinsamen Antrag von Vertretern der AfD, der CDU und der Bürgerinitiative Oberelbe sollen künftig keine weiteren Stolpersteine im öffentlichen Straßen- und Gehwegbereich verlegt werden. Stattdessen ist eine zentrale Gedenkfläche vorgesehen, vorzugsweise auf dem Nordfriedhof. Die bereits verlegten Stolpersteine dürfen bestehen bleiben.
Als Liberaler bin ich über diesen Vorgang entsetzt. Umso wichtiger finde ich, dass der FDP-Stadtrat Norbert Bläsner gegen den Antrag gestimmt und auch öffentlich klar Stellung dagegen bezogen hat. Den Beschluss konnte das leider nicht verhindern.
Die Befürworter verteidigen ihre Entscheidung damit, dass es lediglich um die Form des Gedenkens gehe. Doch eine zentrale Gedenkstätte und Stolpersteine schließen sich nicht aus. Ein zusätzlicher Ort der Erinnerung rechtfertigt nicht, weitere Stolpersteine pauschal zu verhindern.
## **Erinnerung vor unserer Haustür**
Stolpersteine machen die Verfolgung durch die Nationalsozialisten vor der eigenen Haustür greifbar. Die kleinen, in den Boden eingelassenen Messingtafeln erinnern meist an den letzten frei gewählten Wohnort eines Menschen, manchmal auch an seinen früheren Wirkungsort. Sie tragen Namen, Lebensdaten und ein paar Worte über das jeweilige Schicksal.
Sie erinnern an Jüdinnen und Juden, an Sinti und Roma, an politisch und religiös Verfolgte, an Menschen mit Behinderungen und an weitere Menschen, die unter dem nationalsozialistischen Regime verfolgt wurden. Auch Überlebende werden auf diese Weise gewürdigt.
Gerade aus liberaler Sicht liegt darin eine besondere Stärke: Jeder Stein erinnert an einen einzelnen Menschen. An jemanden mit einem eigenen Leben, mit Beziehungen, Hoffnungen und Plänen. Die Namen machen deutlich, dass die Verfolgten unsere Nachbarn, Kollegen und Mitbürger waren.
> Die nationalsozialistischen Verbrechen begannen lange vor den Deportationen und dem Massenmord. Sie begannen mit Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung – mitten in unseren Städten, in der Nachbarschaft und am Arbeitsplatz.
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> Dominik Zoch über die Wirkung der Stolpersteine
Die nationalsozialistischen Verbrechen begannen lange vor den Deportationen und dem Massenmord. Sie begannen mit Ausgrenzung, Entrechtung und Verfolgung – mitten in unseren Städten, in der Nachbarschaft und am Arbeitsplatz. Menschen verloren ihre berufliche Existenz, wurden aus dem gesellschaftlichen Leben gedrängt und schließlich verschleppt und ermordet. Vieles davon geschah vor den Augen ihrer Mitmenschen.
Stolpersteine machen diese Verbindung zwischen den Verbrechen und unserem unmittelbaren Lebensumfeld sichtbar. Wir begegnen ihnen auf dem Weg zur Arbeit, beim Einkaufen oder beim Spaziergang. Sie geben uns Anlass, stehen zu bleiben und uns mit einem Menschen und seiner Geschichte zu beschäftigen.
## **Warum der Beschluss eine Grenze überschreitet**
Über die Gestaltung des Gedenkens darf und soll diskutiert werden. Auch aus Teilen der jüdischen Gemeinschaft gibt es Einwände gegen Stolpersteine, etwa weil die Namen der Verfolgten betreten werden können. Diese Bedenken verdienen Respekt. Genau deshalb werden Angehörige der Opfer bei der Gestaltung der Stolpersteine angehört und zur Verlegung eingeladen.
Für mich liegt der Tabubruch des Heidenauer Beschlusses darin, dass Vertreter der CDU gemeinsam mit der AfD eine in der Breite etablierte Form des Erinnerns pauschal ausschließen. Damit wird die weitere Erinnerung an einzelne Verfolgte an ihren früheren Lebensorten verhindert. Dass sich der sächsische CDU-Landesverband von diesem Ausschluss distanziert hat, ist richtig und notwendig. Es ist zugleich ein Beleg für die innere Spaltung dieser Partei, insbesondere wenn es um den Umgang mit der AfD geht.
> Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und das Gedenken an seine Opfer sind wesentlicher Teil der deutschen Leitkultur. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte schärft unser Bewusstsein dafür, warum Menschenwürde, individuelle Freiheit und der Schutz vor staatlicher Willkür unverzichtbar sind.
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> Dominik Zoch über die Rolle der Erinnerungskultur
Eine zentrale Gedenkstätte kann einen wichtigen Beitrag zur Erinnerung leisten. Stolpersteine erfüllen darüber hinaus eine eigene Aufgabe: Sie verankern die Lebensgeschichten der Verfolgten in unserem Alltag. Beides kann und sollte nebeneinander bestehen. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und das Gedenken an seine Opfer sind wesentlicher Teil der deutschen Leitkultur. Die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte schärft unser Bewusstsein dafür, warum Menschenwürde, individuelle Freiheit und der Schutz vor staatlicher Willkür unverzichtbar sind. Diese Verantwortung muss jede Generation neu annehmen.
> Es ist kein Zufall, dass Feinde der Demokratie gerade unsere Erinnerungskultur angreifen. Wer diese Erinnerung relativiert oder aus unserem Alltag zurückdrängt, schwächt das Bewusstsein dafür, warum wir Freiheit und Menschenwürde verteidigen müssen.
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> Dominik Zoch über die Rolle der Erinnerungskultur
Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Herrschaft und die Lehren aus ihren Verbrechen haben wesentlich dazu beigetragen, die bundesdeutsche Demokratie zu festigen und wehrhaft zu gestalten. Es ist es kein Zufall, dass Feinde der Demokratie gerade unsere Erinnerungskultur angreifen. Wer diese Erinnerung relativiert oder aus unserem Alltag zurückdrängt, schwächt das Bewusstsein dafür, warum wir Freiheit und Menschenwürde verteidigen müssen.
## **Ein Zeichen in Dresden**
Wenige Tage nach dem Heidenauer Beschluss wurden am Dienstag, dem 29. September 2026, vor dem Deutschen Hygiene-Museum in Dresden sieben Stolpersteine verlegt. Sie erinnern an ehemalige Mitarbeitende und Vorstandsmitglieder, die 1933 wegen ihrer zugeschriebenen jüdischen Herkunft entlassen oder aus ihren Funktionen gedrängt wurden.
Stolpersteine vor dem Deutschen Hygiene-Museum
Gerade vor dem Hintergrund der Entscheidung in Heidenau war ich dankbar für dieses Zeichen. Auf dem Heimweg von der Arbeit habe ich die Gelegenheit genutzt, dort anzuhalten, die Namen zu lesen und innezuhalten.
Genau darin liegt für mich die Stärke der Stolpersteine: Sie geben Menschen ihren Platz in unserer Erinnerung zurück – dort, wo sie einst Teil unserer Gesellschaft waren.