Südkorea: Vom historischen Anarchismus und modernen Antimilitarismus
Erst durch die brutale japanische Kolonialherrschaft von 1910 bis 1945 ausgebeutet und anschließend Schauplatz der Machtkonkurrenz der Weltmächte USA und UdSSR im Kalten Krieg und des Korea-Kriegs 1950 bis 1953: Die koreanische Halbinsel ist seit jeher im Fokus internationaler Machtinteressen. Bis heute befinden sich Nord- und Südkorea formal im Kriegszustand. Es ist ein Konflikt zweier Staaten, deren Bevölkerungen historisch das gleiche Leid der Unterdrückung teilten und die heute durch die geopolitischen Grenzziehungen der Herrschenden strikt voneinander isoliert sind.
Während unabhängige journalistische Arbeit in Nordkorea extrem schwer ist, sind Recherchen vor Ort in Südkorea grundsätzlich möglich. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt Nordkorea 2026 den zweitletzten Platz 179 und lässt nur Eritrea hinter sich. Südkorea erreicht immerhin Platz 47. Doch auch die Gesellschaft im Süden ist durch den andauernden Konflikt tief von militärischer Logik durchdrungen.
**Kim Chwajin: Ein anarchistischer Nationalheld im heutigen Südkorea**
Von einer gelebten Anarchie kann im heutigen Südkorea nicht gesprochen werden. Das moderne Präsidialsystem ist tief in westlichen Herrschafts- und Wirtschaftsstrukturen verwurzelt. Neben dem immensen Einfluss der USA, der die südkoreanische Politik noch immer mitprägt, diente nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch die Weimarer Verfassung als Vorbild für den neuen Staat.
In der vom Kapitalismus dominierten Realität spielt der Anarchismus eine häufig übersehene, fast schon verdrängte Rolle in der Geschichte der Halbinsel. Gerade darin liegt ein Widerspruch: Der Anarchist Kim Chwajin wird bis heute als koreanischer Nationalheld verehrt. Er findet sich in Geschichtsbüchern, staatlichen Museen und als Statue verewigt.
Bereits mit 18 Jahren soll Kim die Sklavenregister seiner Familie auf einem öffentlichen Platz verbrannt und damit zahlreiche Menschen aus der Leibeigenschaft befreit haben. Sein weiterer Weg führte ihn später in den bewaffneten Widerstand. Er kämpfte als Offizier für die koreanische Unabhängigkeitsbewegung in der Mandschurei (heute chinesisches Staatsgebiet) gegen die japanische Imperialmacht.
Seine militärischen Erfolge und sein organisatorisches Geschick ermöglichten es ihm, gemeinsam mit anderen Anarchist-*innen ein autonomes System aufzubauen. 1929 riefen sie die Korean People’s Association in Manchuria (KPAM) ins Leben. Diese selbstverwaltete Organisation versuchte, anarchistische Prinzipien von gegenseitiger Hilfe und direkter Beteiligung für Hunderttausende im Exil lebende Koreaner*innen in die Praxis umzusetzen. Kim verkörperte dabei den ständigen Widerspruch antiautoritärer Bewegungen: Er träumte von einer herrschaftsfreien Gesellschaft, führte aber gleichzeitig als militärischer Führer einen asymmetrischen Krieg.
Antimilitarist*innen der südkoreanischen WRI-Gruppe World Without War. Fotos: World Without War
Dieses freiheitliche Experiment geriet schnell unter den Druck verschiedener bewaffneter politischer Kräfte. Sowohl die koreanischen Kommunist*innen, die eine Vorherrschaft anstrebten, als auch die japanischen Impe-rialist*innen sahen in der anarchistischen Selbstverwaltung eine massive Bedrohung.
Der Versuch endete abrupt:
Im Januar 1930 wurde Kim Chwajin von einem kommunistischen Attentäter ermordet. Er soll hinterrücks erschossen worden sein, als er beim Reparieren einer Reismühle aushalf. Nach seinem Tod und weiteren gezielten Attentaten auf prominente Persönlichkeiten der anarchistischen Bewegung geriet die KPAM unter massive Angriffe, sodass die Bewegung schließlich zerschlagen wurde und im Untergrund verschwand.
Dass die historischen Tatsachen rund um Kim Chwajin und seine Mitstreiter*innen heute nicht gänzlich aus den südkoreanischen Geschichtsbüchern gestrichen wurden, hat allerdings wohl einen anderen Grund als seine herrschaftsfreien Ideen: Als Widerstandskämpfer wird er heute vielmehr als „Held“ und „Patriot für eine unabhängige Nation“ gefeiert, die sich standhaft sowohl gegen kommunistische als auch gegen imperialistische Kräfte wehrte. Seine eigentliche, radikale Staatskritik findet im staatlichen Narrativ dabei nebensächliche Erwähnung.
**Koreanischer Antimilitarismus: Die Realität der Kriegsdienstverweigerung**
Wer den Blick auf das heutige Südkorea richtet, stößt unweigerlich auf den strikten Kriegsdienst. Dessen ideologische Grundlage speist sich nicht nur aus dem andauernden, ungelösten Konflikt mit Nordkorea. Ebenso tief verwurzelt ist das nationale Selbstverständnis als historisch unterdrücktes Volk. Die traumatischen Erfahrungen der brutalen japanischen Kolonialisierung wirken bis in die Gegenwart nach. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zum deutschen Nationalismus, der durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus eine andere historische Prägung erfahren hat.
In der Kritik am Nationalismus ist deshalb eine Differenzierung unabdingbar. Denn auch wenn das Ziel aller Anarchist*innen eine staatenlose, herrschaftsfreie Welt ist, muss in der Kritik am Nationalismus präzise in seinen unterschiedlichen Ausprägungen unterschieden werden. Auf der einen Seite stehen Menschen, die in ihrem Kampf gegen Unterdrückung und für Unabhängigkeit innerhalb einer Nation nach Selbstbestimmung suchen. Auf der anderen Seite steht ein Nationalismus, der aus einer rassistischen Weltanschauung heraus andere Menschen abwertet und ausschließt.
Was das Militär angeht, besteht in Südkorea ein starker gesellschaftlicher Druck: Die Erwartungshaltung, der gemeinschaftlichen Kriegsdienstpflicht bedingungslos nachzukommen, durchdringt alle Schichten. Während insbesondere die älteren Generationen den „Dienst an der Waffe“ wenig infrage stellen, wächst unter jungen Männern der Unmut. Die Einberufung bedeutet für sie einen erheblichen Einschnitt in ihre Lebensplanung: Für mindestens 18 Monate werden sie aus ihrem Leben gerissen, um sich der strengen Hierarchie des Militärapparats unterzuordnen. Davon sind auch prominente Koreaner nicht ausgenommen: Auch K-Pop-Stars sind, vermutlich unter anderem wegen ihrer Vorbildfunktion, grundsätzlich nicht vom Kriegsdienst befreit. Einzig Spitzensportler und wenige Gewinner internationaler klassischer Musikwettbewerbe müssen den Zwangsdienst nicht antreten. Die Zahl der Ausnahmen ist verschwindend gering. In der gesellschaftlichen Debatte geht es dabei oftmals um Fairness. Leider wird dieses Verständnis von Fairness von einigen jungen Männern häufig zum Nachteil von Frauen ausgelegt. Und so finden sich statt antimilitaristischer Ideen insbesondere in Onlineforen junger Männer eine Abwertung von Frauen, die zu eben diesem Dienst in Korea nicht verpflichtet sind.
> _**Wie drastisch der Staat gegen Kriegsdienstverweigerer vorging, zeigt ein Blick in die Zeit vor 2020: Vor der zögerlichen Einführung des**_
> _**Ersatzdienstes führte der Weg für Verweigerer unweigerlich in die Haft**_
Sich dem staatlichen Zwang zu entziehen und den Kriegsdienst zu verweigern, ist nicht nur aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung ein massiver Kraftakt. Zwar sah sich der südkoreanische Staat nach jahrzehntelangen Kämpfen zivilgesellschaftlicher Gruppen im Jahr 2020 gezwungen, formal einen „zivilen Ersatzdienst“ einzuführen. In der Praxis entpuppt sich dieser jedoch weniger als echte Alternative, sondern vielmehr als Fortsetzung der Repression mit anderen Mitteln. Der „Ersatzdienst“ hat einen strafenden Charakter: Er dauert mit bis zu 36 Monaten fast doppelt so lange wie der reguläre Militärdienst, findet oft in isolierten Einrichtungen wie Gefängnissen statt und gleicht in seiner Ausgestaltung eher einer Strafarbeit. Mit dem ehemaligen Zivildienst in Deutschland lässt sich dieses System kaum vergleichen, wenngleich sich die Grundidee wohl wenig unterscheidet.
Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International üben an dieser Praxis scharfe Kritik. Sie verurteilen das System als verdeckte Bestrafung, zumal die Dauer des südkoreanischen Alternativdienstes die längste weltweit ist. Wie drastisch der Staat gegen Kriegsdienstverweigerer vorging, zeigt ein Blick in die Zeit vor 2020: Vor der zögerlichen Einführung des Ersatzdienstes führte der Weg für Verweigerer unweigerlich in die Haft. Diese Gefängnisstrafen trafen neben politischen Pazifisten und Antimilitaristen vor allem Zeugen Jehovas, die den Militärdienst aus religiöser Überzeugung konsequent ablehnen. Laut der New York Times wurden seit den 1950er Jahren in Südkorea fast 20.000 Menschen wegen ihrer Weigerung, das Militär zu unterstützen, inhaftiert.
**Schwesterorganisation der Graswurzelrevolution: World Without War im Zentrum des Widerstands**
Seit über zwei Jahrzehnten unterstützt die südkoreanische Organisation World Without War den Kampf der Kriegsdienstverweigerer. Als Teil des globalen Netzwerks der War Resisters‘ International (WRI), dem auch die Graswurzelrevolution angehört, ist die Gruppe eine wesentliche Stimme der grenzübergreifenden Solidarität. In einer derart hochmilitarisierten Gesellschaft bleibt es jedoch ein stetiger Kampf um mediale und politische Sichtbarkeit. Historisch war der Begriff der „Friedensbewegung“ in Südkorea oft untrennbar mit der bloßen Forderung nach einer nationalen Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten verknüpft. Solche nationalistisch geprägten Bestrebungen greifen für die radikalen Antimilitarist*innen von World Without War jedoch grundlegend zu kurz.
Gegründet im Jahr 2003, trat das Netzwerk zunächst mit dem primären Ziel an, der Öffentlichkeit die strukturellen und gesellschaftlichen Hintergründe der Kriegsdienstverweigerung sichtbar zu machen. Längst hat sich der Fokus der Gruppe erweitert: Heute analysieren und bekämpfen die Aktivist*innen die wachsenden südkoreanischen Waffenexporte und beleuchten den Zusammenhang zwischen Militarisierung, Waffenproduktion und Klimakrise. Eine Prämisse der Gruppe: Krieg bricht nicht zufällig aus, sondern ist das unausweichliche Resultat tief verwurzelter Diskriminierungs- und Ausbeutungsstrukturen. Bei ihrer Arbeit versuchen sie, sich in ihrem Widerstand strategisch genauso professionell aufzustellen und vorzubereiten, „wie diejenigen es tun, die vom Krieg profitieren“.
Diese radikal antimilitaristische Praxis bringt die Gruppe unweigerlich und regelmäßig in Konflikt mit dem Staatsapparat. Repressionen, etwa durch rigide Auslegungen des südkoreanischen Versammlungsgesetzes, sind an der Tagesordnung. Hier finden sich deutliche Parallelen zu deutschen Antimilitarist*innen. Ein Teilerfolg gelang der Gruppe erst im Juli 2026: Ein Aktivist, der während der Rüstungsmesse ADEX (Aerospace and Defense Exhibition) mit Plakaten protestiert hatte, wurde freigesprochen. Bei der ADEX handelt es sich um eine der größten und einflussreichsten Rüstungsmessen der gesamten Region.
Foto: World Without War.
Auf dem globalen Waffenmarkt zeigt sich der Einfluss der südkoreanischen Rüstungsspirale. Die Regierung in Seoul verfolgt Expansionspläne und hat das erklärte Ziel ausgegeben, bis 2027 zum viertgrößten Waffenexporteur der Welt aufzusteigen. Für die NATO-Staaten ist das Land, direkt nach den USA, bereits der zweitwichtigste Waffenlieferant. Dass Aufrüstung und Export zusammenhängen, zeigt auch der Blick auf die Soldaten vor Ort: Rund 500.000 aktive Soldaten, Millionen von Reservisten und die dauerhafte Präsenz von etwa 30.000 US-Streitkräften auf südkoreanischem Boden prägen das Land. Das sind Dimensionen der Hochrüstung, von denen An-hänger*innen einer deutschen Aufrüstungspolitik wohl derzeit träumen.
Ein Ausweg aus der Spirale der immer weitergehenden Aufrüstung lässt sich nicht finden, wenn man auf Lenkung durch die Herrschenden vertraut. Es braucht zwingend eine starke, gut vernetzte zivilgesellschaftliche Bewegung, die sich der fortwährenden Militarisierung in der Welt entgegenstellt. Eine Bewegung, die über nationale Grenzen hinaus denkt und die komplexen politischen Situationen, geopolitischen Machtansprüche und kapitalistischen Profitinteressen analysiert, von der Möglichkeit einer besseren Welt überzeugt ist und bereit ist, dafür gemeinsam neue Wege zu gehen.
**Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._**
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