#gwr511
#gwr511 (aktuell im Kiosk)
100 Jahre Bakuninhütte

Eine Geschichte von Gegenseitiger Hilfe, Selbstermächtigung und Engagement
#bakunin #Selbstermächtigung #Anarchismus #gwr
https://www.graswurzel.net/gwr/2026/09/100-jahre-bakuninhuette/
100 Jahre Bakuninhütte
Die Bakuninhütte wird 100 Jahre alt. Dieses Jubiläum macht einen Ort sichtbar, dessen Geschichte von Brüchen, Umnutzungen und Wiederaneignung geprägt ist und deshalb nicht umsonst das vielleicht wichtigste Kulturdenkmal der anarchosyndikalistischen Bewegung im deutschsprachigen Raum ist. Zugleich ist die Hütte heute ein beliebtes Wander- und Ausflugsziel inmitten geschützter Natur. **Ein Blick zurück** Errichtet wurde die erste Hütte – damals wohl mehr ein überdachter, in den felsigen Untergrund gehauener Verschlag – 1926 von einer Gruppe in der anarchosyndikalistischen „Freien Arbeiter Union“ (FAUD) organisierter Arbeiter*innen. Doch begonnen hat die Geschichte bereits einige Jahre früher, nach dem Ersten Weltkrieg. In Zeiten von Hunger und Not schlossen sich einige Arbeitende der Eisenbahnhauptwerkstatt Meiningen und weiterer Betriebe der FAUD an und pachteten ein Grundstück, um dort kollektiven Ackerbau zu betreiben. Ein Jahr später konnten sie ein Grundstück auf dem Höhenzug der Hohen Maas für die damals hohe Summe von 21.000 Reichsmark kaufen. Das Geld wurde auf verschiedenen Wegen zusammengesammelt und ganz im Sinne von Kropotkins „Gegenseitiger Hilfe“ war die Schuldenlast bereits nach zwei Jahren gänzlich getilgt. Bakuninhütte von Nordost ohne Neubau Bis 1925 wurden auf dem kargen Boden Kartoffeln und Getreide angebaut, dann rentierten sich die Kosten für Dünger und die Arbeit – z. B. musste das Wasser aus einem zwei Kilometer entfernten Brunnen herangeschafft werden – nicht mehr. Die Felder lagen brach, doch die ca. 30-köpfige Gemeinschaft traf sich weiterhin auf ihrem Stück Land. Das Grundstück liegt auf einem ca. 500 Meter hohen Plateau, umringt von Wald und einer wegen ihrer Artenvielfalt geschützten Kalkmagerwiese mit kilometerweiter Aussicht nach Süden. Nachdem die Gemeinschaft eines Tages von einem Gewitterguss überrascht wurde, kam die Idee auf, eine Schutzhütte zu errichten. Eine Erdgamme mit Koch- und Sitzgelegenheiten entstand. Bereits diese bekam den Namen „Bakunin-Schutzhütte“. Schon 1927 war die Hütte zu klein für die rege Nutzung und ein erster Erweiterungsbau wurde geplant und in Eigenarbeit realisiert. Auch das Grundstück wurde gestaltet. Es entstanden Sitzgelegenheiten; Baumgruppen, Büsche und Blumen wurden gepflanzt; Wege und Beete angelegt. Auch an die Kinder wurde gedacht und eine Schaukel sowie ein handbetriebenes Kettenkarussell – das Einzige weit und breit zu seiner Zeit – gebaut. Der schöne Platz und die kostenfreie Nutzung der Spielgeräte zog viele Familien an. Schon damals wurden Besitzverhältnisse kritisch hinterfragt, niemand sollte exklusive Zugriffsrechte haben. Um der Gemeinschaft einen juristischen Rahmen zu geben, wurde deshalb Anfang 1927 der Siedlungsverein „Gegenseitige Hilfe“ gegründet. Dieser vereinte bis zu seiner Zwangsauflösung 1933 nicht nur FAUD-Mitglieder, sondern auch anders und noch nicht politisierte Menschen. Das Interesse der lokalen Bevölkerung wuchs, wie auch die Bedeutung als Treffpunkt für die anarchosydikalistische Arbei-ter*innenbewegung aus Thüringen und ganz Deutschland. Sachspenden bereicherten das Inventar, der Zufahrtsweg wurde befestigt und eine Brauerei brachte mit den Getränken auch Gartenstühle und Tische. Finanziert wurde alles über eine Sammelbüchse. Aus ihrer politischen Einstellung und ihren Grundüberzeugungen machte die Gemeinschaft keinen Hehl. Davon zeugen sowohl der Hüttenspruch „Freies Land und freie Hütte / Freier Geist und freies Wort / Freie Menschen, freie Sitte / zieht mich stets an diesen Ort“, wie auch Gedenksteine für Bakunin, Francisco Ferrer sowie Sacco & Vanzetti. Ebenso war ein zerbrochenes Gewehr als Zeichen des Antimilitarismus auf dem Gelände aufgestellt. Leider ist von all dem heute nicht mehr viel übrig, außer alten Fotos und einigen Gesteinssplittern. Eine Blütezeit erlebte die Hütte Anfang der 1930er Jahre, als unter anderem Erich Mühsam die Hütte besuchte und die anarchosyndikalistische Jugend ihr erstes Reichsferienlager dort abhielt. Die Hütte bekam mit Fritz Scherer einen Hüttenwart und zahlreiche Gäste verewigten sich im Hüttenbuch. Der Aufschwung zeigte schnell, dass auch die erweiterte Hütte zu wenig Platz bot. Ein zweiter Erweiterungsbau wurde geplant. Über Baufondskarten und Stocknägel sollte der Anbau finanziert werden. Trotz des Rückganges der FAUD-Mitgliederzahlen konnte im Herbst 1932 mit den Arbeiten begonnen werden. Wieder kam Unterstützung aus nah und fern für die Bauarbeiten. Im August 1933 endet vorerst die Geschichte gelebter Solidarität und Selbstorganisation: Die Hütte wird von den Nationalsozialisten enteignet und gelangt über die SS und die NSDAP in private Hände. Der letzte Privatbesitzer vollendet immerhin den zweiten Erweiterungsbau nach den Plänen der Anarchosyndikalist*innen. > _**Die Bakuninhütte ist ein bedeutendes materielles Zeugnis anarchosyndikalistischer Bewegungsgeschichte, ein Ort mit hohem erinnerungskulturellem Wert**_ In der DDR folgten jahrzehntelange Umnutzungen, ebenfalls in Abkehr zur ursprünglichen politischen Bedeutung. Aus der Bakuninhütte wurde zuerst die Touristenstation „August Bebel“, dann die „Station junger Naturforscher“ in der „Karl-Kneschke-Hütte“, bevor das Innenministerium die Hütte und das umliegende Gelände bis 1989 als Übungsgelände für die Bereitschaftspolizei Meiningen nutzte. Nach 1990 setzte Verfall ein, bis der Ort ab etwa 2006 schrittweise reaktiviert wurde. **Gescheiterte Rehabilitation** Der Meininger Franz Dressel hatte das Hüttenbuch, Fotos und weitere Erinnerungsstücke über die Nazizeit versteckt, Fritz Scherer rettete dies später nach Westberlin und berichtete 1984 in einem Artikel in der bundesweiten, anarchistischen Szenezeitung „Schwarzer Faden – Vierteljahresschrift für Lust und Freiheit“ darüber. Nach 1989 erinnerten sich einige Genoss*innen in Berlin an diese Geschichte. Sie suchten und fanden die Bakuninhütte. Parallel dazu wurden auch junge Meininger Anarchist*innen wieder auf die Hütte aufmerksam. Leider lebten Fritz Scherer und andere Mitglieder des Siedlungsvereins „Gegenseite Hilfe“ nicht mehr. Deshalb wurde eine Rehabilitation und Rückbereinigung durch das Amt für offene Vermögensfragen abgelehnt. Das Grundstück verwilderte und die Hütte verfiel. **Geglückte „Wiederaneignung“ und erste Sanierung** Ab der Jahrtausendwende gab es neue Bemühungen, um die Hütte wieder in die Hand der Bewegung zu bekommen. Einzige rechtlich sichere Möglichkeit war damals der Kauf vom Bundesvermögensamt, der wieder durch breite Solidarität gestemmt werden konnte. So konnten bis Oktober 2009 erste Reparatur- und Sanierungsarbeiten umgesetzt werden. Dann verbot das Bauamt des Kreises Schmalkalden-Meiningen auf Betreiben des Bürgermeisters der Gemeinde, in dessen Gemarkung das Hüttengrundstück liegt, den Zutritt und die Nutzung der Hütte. **Denkmal und lebendiger Ort** Nach einem Vergleich vor Gericht kann die Hütte inzwischen wieder betreten werden. Seit 2015 steht sie sogar unter Denkmalschutz! Ausschlaggebend ist ihre besondere historische Bedeutung: als seltenes materielles Zeugnis anarchosyndikalistischer Bewegungsgeschichte und als Ort mit hohem erinnerungskulturellem Wert. Heute verbindet die Hütte diese Geschichte mit ihrer Lage in einer naturnahen Landschaft: Eingebettet in geschützte Biotope ist sie Ziel von Wanderungen und Ausflügen – und zugleich ein Ort historischer Vermittlung. **2026: Bauen und Feiern** Das Jubiläumsjahr bietet verschiedene Gelegenheiten, um die Bakuninhütte vor Ort zu beleben und zu erleben. Nachdem bis 2024 mehrere Bauanträge abgelehnt wurden, gab es im Januar 2024 eine Baugenehmigung zur Nutzungserweiterung. Obwohl es dagegen auch wieder einen Widerspruch der Gemeinde Ellingshausen gibt, wurde 2025 mit ersten Bauarbeiten begonnen. Ziele sind die Sicherung und Verbesserung des baulichen Zustandes, die Schaffung von Rettungswegen und sanitären Anlagen, um Übernachtungen zu ermöglichen, und archäologische Untersuchungen, damit historische Zustände erfasst, belegt und möglichst wieder hergestellt werden können. All das bringt viel Arbeit mit sich und kostet Geld. Um das zu bewältigen, setzen die Aktiven auf Gegenseitige Hilfe und Solidarität, wie vor hundert Jahren. Einen niedrigschwelligen Zugang zur wechselvollen Geschichte bieten beispielsweise geführte Wanderungen durch eine Meininger Stadtführerin, verbunden mit Ein- und Ausblicken in die Natur. Die großen Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum finden am 12. und 13. September 2026 mit einem bunten Kulturprogramm sowie Führungen durch die Hütte und zur Geschichte statt. An diesem Wochenende kann nach Anmeldung beim Wanderverein auch in 20 bis 30-minütiger Wanderentfernung von der Hütte gezeltet werden. **Ein Ort mit vielen Schichten** Die Bakuninhütte steht heute für ein Jahrhundert wechselvoller Geschichte: für politische Aufbrüche in eine freie Gesellschaft, gewaltsame autoritäre Umbrüche, lange Phasen der Überformung – und eine aktive Wiederaneignung in der Gegenwart. Das Jubiläum ist daher weniger ein Rückblick als eine Einladung: diesen besonderen Ort selbst zu entdecken und wiederzubeleben. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
www.graswurzel.net
September 27, 2026 at 5:13 PM
#gwr511
Südkorea: Vom historischen Anarchismus und modernen Antimilitarismus

#Suedkorea #anachismus #antimilitarismus #gwr
https://www.graswurzel.net/gwr/2026/09/suedkorea/
Südkorea: Vom historischen Anarchismus und modernen Antimilitarismus
Erst durch die brutale japanische Kolonialherrschaft von 1910 bis 1945 ausgebeutet und anschließend Schauplatz der Machtkonkurrenz der Weltmächte USA und UdSSR im Kalten Krieg und des Korea-Kriegs 1950 bis 1953: Die koreanische Halbinsel ist seit jeher im Fokus internationaler Machtinteressen. Bis heute befinden sich Nord- und Südkorea formal im Kriegszustand. Es ist ein Konflikt zweier Staaten, deren Bevölkerungen historisch das gleiche Leid der Unterdrückung teilten und die heute durch die geopolitischen Grenzziehungen der Herrschenden strikt voneinander isoliert sind. Während unabhängige journalistische Arbeit in Nordkorea extrem schwer ist, sind Recherchen vor Ort in Südkorea grundsätzlich möglich. Auf der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt Nordkorea 2026 den zweitletzten Platz 179 und lässt nur Eritrea hinter sich. Südkorea erreicht immerhin Platz 47. Doch auch die Gesellschaft im Süden ist durch den andauernden Konflikt tief von militärischer Logik durchdrungen. **Kim Chwajin: Ein anarchistischer Nationalheld im heutigen Südkorea** Von einer gelebten Anarchie kann im heutigen Südkorea nicht gesprochen werden. Das moderne Präsidialsystem ist tief in westlichen Herrschafts- und Wirtschaftsstrukturen verwurzelt. Neben dem immensen Einfluss der USA, der die südkoreanische Politik noch immer mitprägt, diente nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auch die Weimarer Verfassung als Vorbild für den neuen Staat. In der vom Kapitalismus dominierten Realität spielt der Anarchismus eine häufig übersehene, fast schon verdrängte Rolle in der Geschichte der Halbinsel. Gerade darin liegt ein Widerspruch: Der Anarchist Kim Chwajin wird bis heute als koreanischer Nationalheld verehrt. Er findet sich in Geschichtsbüchern, staatlichen Museen und als Statue verewigt. Bereits mit 18 Jahren soll Kim die Sklavenregister seiner Familie auf einem öffentlichen Platz verbrannt und damit zahlreiche Menschen aus der Leibeigenschaft befreit haben. Sein weiterer Weg führte ihn später in den bewaffneten Widerstand. Er kämpfte als Offizier für die koreanische Unabhängigkeitsbewegung in der Mandschurei (heute chinesisches Staatsgebiet) gegen die japanische Imperialmacht. Seine militärischen Erfolge und sein organisatorisches Geschick ermöglichten es ihm, gemeinsam mit anderen Anarchist-*innen ein autonomes System aufzubauen. 1929 riefen sie die Korean People’s Association in Manchuria (KPAM) ins Leben. Diese selbstverwaltete Organisation versuchte, anarchistische Prinzipien von gegenseitiger Hilfe und direkter Beteiligung für Hunderttausende im Exil lebende Koreaner*innen in die Praxis umzusetzen. Kim verkörperte dabei den ständigen Widerspruch antiautoritärer Bewegungen: Er träumte von einer herrschaftsfreien Gesellschaft, führte aber gleichzeitig als militärischer Führer einen asymmetrischen Krieg. Antimilitarist*innen der südkoreanischen WRI-Gruppe World Without War. Fotos: World Without War Dieses freiheitliche Experiment geriet schnell unter den Druck verschiedener bewaffneter politischer Kräfte. Sowohl die koreanischen Kommunist*innen, die eine Vorherrschaft anstrebten, als auch die japanischen Impe-rialist*innen sahen in der anarchistischen Selbstverwaltung eine massive Bedrohung. Der Versuch endete abrupt: Im Januar 1930 wurde Kim Chwajin von einem kommunistischen Attentäter ermordet. Er soll hinterrücks erschossen worden sein, als er beim Reparieren einer Reismühle aushalf. Nach seinem Tod und weiteren gezielten Attentaten auf prominente Persönlichkeiten der anarchistischen Bewegung geriet die KPAM unter massive Angriffe, sodass die Bewegung schließlich zerschlagen wurde und im Untergrund verschwand. Dass die historischen Tatsachen rund um Kim Chwajin und seine Mitstreiter*innen heute nicht gänzlich aus den südkoreanischen Geschichtsbüchern gestrichen wurden, hat allerdings wohl einen anderen Grund als seine herrschaftsfreien Ideen: Als Widerstandskämpfer wird er heute vielmehr als „Held“ und „Patriot für eine unabhängige Nation“ gefeiert, die sich standhaft sowohl gegen kommunistische als auch gegen imperialistische Kräfte wehrte. Seine eigentliche, radikale Staatskritik findet im staatlichen Narrativ dabei nebensächliche Erwähnung. **Koreanischer Antimilitarismus: Die Realität der Kriegsdienstverweigerung** Wer den Blick auf das heutige Südkorea richtet, stößt unweigerlich auf den strikten Kriegsdienst. Dessen ideologische Grundlage speist sich nicht nur aus dem andauernden, ungelösten Konflikt mit Nordkorea. Ebenso tief verwurzelt ist das nationale Selbstverständnis als historisch unterdrücktes Volk. Die traumatischen Erfahrungen der brutalen japanischen Kolonialisierung wirken bis in die Gegenwart nach. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zum deutschen Nationalismus, der durch die Erfahrungen des Nationalsozialismus eine andere historische Prägung erfahren hat. In der Kritik am Nationalismus ist deshalb eine Differenzierung unabdingbar. Denn auch wenn das Ziel aller Anarchist*innen eine staatenlose, herrschaftsfreie Welt ist, muss in der Kritik am Nationalismus präzise in seinen unterschiedlichen Ausprägungen unterschieden werden. Auf der einen Seite stehen Menschen, die in ihrem Kampf gegen Unterdrückung und für Unabhängigkeit innerhalb einer Nation nach Selbstbestimmung suchen. Auf der anderen Seite steht ein Nationalismus, der aus einer rassistischen Weltanschauung heraus andere Menschen abwertet und ausschließt. Was das Militär angeht, besteht in Südkorea ein starker gesellschaftlicher Druck: Die Erwartungshaltung, der gemeinschaftlichen Kriegsdienstpflicht bedingungslos nachzukommen, durchdringt alle Schichten. Während insbesondere die älteren Generationen den „Dienst an der Waffe“ wenig infrage stellen, wächst unter jungen Männern der Unmut. Die Einberufung bedeutet für sie einen erheblichen Einschnitt in ihre Lebensplanung: Für mindestens 18 Monate werden sie aus ihrem Leben gerissen, um sich der strengen Hierarchie des Militärapparats unterzuordnen. Davon sind auch prominente Koreaner nicht ausgenommen: Auch K-Pop-Stars sind, vermutlich unter anderem wegen ihrer Vorbildfunktion, grundsätzlich nicht vom Kriegsdienst befreit. Einzig Spitzensportler und wenige Gewinner internationaler klassischer Musikwettbewerbe müssen den Zwangsdienst nicht antreten. Die Zahl der Ausnahmen ist verschwindend gering. In der gesellschaftlichen Debatte geht es dabei oftmals um Fairness. Leider wird dieses Verständnis von Fairness von einigen jungen Männern häufig zum Nachteil von Frauen ausgelegt. Und so finden sich statt antimilitaristischer Ideen insbesondere in Onlineforen junger Männer eine Abwertung von Frauen, die zu eben diesem Dienst in Korea nicht verpflichtet sind. > _**Wie drastisch der Staat gegen Kriegsdienstverweigerer vorging, zeigt ein Blick in die Zeit vor 2020: Vor der zögerlichen Einführung des**_ > _**Ersatzdienstes führte der Weg für Verweigerer unweigerlich in die Haft**_ Sich dem staatlichen Zwang zu entziehen und den Kriegsdienst zu verweigern, ist nicht nur aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung ein massiver Kraftakt. Zwar sah sich der südkoreanische Staat nach jahrzehntelangen Kämpfen zivilgesellschaftlicher Gruppen im Jahr 2020 gezwungen, formal einen „zivilen Ersatzdienst“ einzuführen. In der Praxis entpuppt sich dieser jedoch weniger als echte Alternative, sondern vielmehr als Fortsetzung der Repression mit anderen Mitteln. Der „Ersatzdienst“ hat einen strafenden Charakter: Er dauert mit bis zu 36 Monaten fast doppelt so lange wie der reguläre Militärdienst, findet oft in isolierten Einrichtungen wie Gefängnissen statt und gleicht in seiner Ausgestaltung eher einer Strafarbeit. Mit dem ehemaligen Zivildienst in Deutschland lässt sich dieses System kaum vergleichen, wenngleich sich die Grundidee wohl wenig unterscheidet. Internationale Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International üben an dieser Praxis scharfe Kritik. Sie verurteilen das System als verdeckte Bestrafung, zumal die Dauer des südkoreanischen Alternativdienstes die längste weltweit ist. Wie drastisch der Staat gegen Kriegsdienstverweigerer vorging, zeigt ein Blick in die Zeit vor 2020: Vor der zögerlichen Einführung des Ersatzdienstes führte der Weg für Verweigerer unweigerlich in die Haft. Diese Gefängnisstrafen trafen neben politischen Pazifisten und Antimilitaristen vor allem Zeugen Jehovas, die den Militärdienst aus religiöser Überzeugung konsequent ablehnen. Laut der New York Times wurden seit den 1950er Jahren in Südkorea fast 20.000 Menschen wegen ihrer Weigerung, das Militär zu unterstützen, inhaftiert. **Schwesterorganisation der Graswurzelrevolution: World Without War im Zentrum des Widerstands** Seit über zwei Jahrzehnten unterstützt die südkoreanische Organisation World Without War den Kampf der Kriegsdienstverweigerer. Als Teil des globalen Netzwerks der War Resisters‘ International (WRI), dem auch die Graswurzelrevolution angehört, ist die Gruppe eine wesentliche Stimme der grenzübergreifenden Solidarität. In einer derart hochmilitarisierten Gesellschaft bleibt es jedoch ein stetiger Kampf um mediale und politische Sichtbarkeit. Historisch war der Begriff der „Friedensbewegung“ in Südkorea oft untrennbar mit der bloßen Forderung nach einer nationalen Wiedervereinigung der beiden koreanischen Staaten verknüpft. Solche nationalistisch geprägten Bestrebungen greifen für die radikalen Antimilitarist*innen von World Without War jedoch grundlegend zu kurz. Gegründet im Jahr 2003, trat das Netzwerk zunächst mit dem primären Ziel an, der Öffentlichkeit die strukturellen und gesellschaftlichen Hintergründe der Kriegsdienstverweigerung sichtbar zu machen. Längst hat sich der Fokus der Gruppe erweitert: Heute analysieren und bekämpfen die Aktivist*innen die wachsenden südkoreanischen Waffenexporte und beleuchten den Zusammenhang zwischen Militarisierung, Waffenproduktion und Klimakrise. Eine Prämisse der Gruppe: Krieg bricht nicht zufällig aus, sondern ist das unausweichliche Resultat tief verwurzelter Diskriminierungs- und Ausbeutungsstrukturen. Bei ihrer Arbeit versuchen sie, sich in ihrem Widerstand strategisch genauso professionell aufzustellen und vorzubereiten, „wie diejenigen es tun, die vom Krieg profitieren“. Diese radikal antimilitaristische Praxis bringt die Gruppe unweigerlich und regelmäßig in Konflikt mit dem Staatsapparat. Repressionen, etwa durch rigide Auslegungen des südkoreanischen Versammlungsgesetzes, sind an der Tagesordnung. Hier finden sich deutliche Parallelen zu deutschen Antimilitarist*innen. Ein Teilerfolg gelang der Gruppe erst im Juli 2026: Ein Aktivist, der während der Rüstungsmesse ADEX (Aerospace and Defense Exhibition) mit Plakaten protestiert hatte, wurde freigesprochen. Bei der ADEX handelt es sich um eine der größten und einflussreichsten Rüstungsmessen der gesamten Region. Foto: World Without War. Auf dem globalen Waffenmarkt zeigt sich der Einfluss der südkoreanischen Rüstungsspirale. Die Regierung in Seoul verfolgt Expansionspläne und hat das erklärte Ziel ausgegeben, bis 2027 zum viertgrößten Waffenexporteur der Welt aufzusteigen. Für die NATO-Staaten ist das Land, direkt nach den USA, bereits der zweitwichtigste Waffenlieferant. Dass Aufrüstung und Export zusammenhängen, zeigt auch der Blick auf die Soldaten vor Ort: Rund 500.000 aktive Soldaten, Millionen von Reservisten und die dauerhafte Präsenz von etwa 30.000 US-Streitkräften auf südkoreanischem Boden prägen das Land. Das sind Dimensionen der Hochrüstung, von denen An-hänger*innen einer deutschen Aufrüstungspolitik wohl derzeit träumen. Ein Ausweg aus der Spirale der immer weitergehenden Aufrüstung lässt sich nicht finden, wenn man auf Lenkung durch die Herrschenden vertraut. Es braucht zwingend eine starke, gut vernetzte zivilgesellschaftliche Bewegung, die sich der fortwährenden Militarisierung in der Welt entgegenstellt. Eine Bewegung, die über nationale Grenzen hinaus denkt und die komplexen politischen Situationen, geopolitischen Machtansprüche und kapitalistischen Profitinteressen analysiert, von der Möglichkeit einer besseren Welt überzeugt ist und bereit ist, dafür gemeinsam neue Wege zu gehen. **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.**
www.graswurzel.net
September 27, 2026 at 5:14 PM
Ertüchtigung für den Krieg
Die Ausbildung ausländischer Militärs bei der Bundeswehr hat eine lange Tradition. Man will darüber Einfluss auf das politische Geschehen im Entsendestaat gewinnen, ihn an Deutschland binden – und Waffen verkaufen. Dass die dann Ausgebildeten in ihrem Militär herausragende Positionen einnehmen, versteht sich. Dass sie, wie etwa in Mali, dann einen Militärputsch durchführen, gehört zu den Begleiterscheinungen. Nicht immer gelingt die „Vermittlung unserer demokratischen Werte“, wie diese Praxis hier gegenüber der Öffentlichkeit propagiert wird. Mit Beginn des russischen Angriffs hat sich der Westen auf die Seite des angegriffenen Staates gestellt, mit der Perspektive, die Ukraine in die EU und die NATO zu integrieren. Das zentrale Mittel dazu sind die Waffenlieferungen – und die Ausbildung der Soldaten, worüber die Presse aber kaum mal berichtet. **Wie ist das rechtlich zu bewerten?** Einem angegriffenen Staat dürfen Waffen zur Verteidigung geliefert werden, so der Wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestages in einem Gutachten vom 16. März 22. (1) Gegen die anfangs gelieferten 5.000 Helme gab es keine Einwände. Das wurde dann ausgeweitet. Heute ist Deutschland der größte Waffenlieferant der Ukraine. **Aber darf man auch Soldaten ausbilden, ohne damit zur Kriegspartei zu werden?** Diese, damals noch hypothetische Frage, wurde in dem Gutachten recht eindeutig beantwortet: „Erst wenn neben der Belieferung mit Waffen auch die Einweisung der Konfliktpartei bzw. Ausbildung an solchen Waffen in Rede stünde, würde man den gesicherten Bereich der Nichtkriegführung verlassen.“ Auch wenn die Formulierung zurückhaltend ist, wird doch klar, dass sich damit Deutschland zumindest in eine Grauzone begeben würde. Der damalige Regierungssprecher Steffen Hebestreit sprach dann auch von „einer schwierigen Abwägung“: „Unsere Überzeugung ist, dass auch die Ausbildung von ukrainischen Soldaten in Deutschland weiterhin keinen direkten Kriegseintritt bedeutet.“ (2) Damit bestätigt er den politischen Willen, die Grauzone auszutesten. Da stellt sich die Frage, ob das Russland ebenso sieht. Das sei „völliger Quatsch, für Putin ist Deutschland längst Kriegspartei“, so der damalige ukrainische Botschafter Andrij Melnik. (5) Ende April 2022 erklärte dann die Bundesregierung, ukrainische Soldaten ausbilden zu wollen. „Ein Bundestagsmandat gibt es für den Einsatz nicht, da er keinen Einsatz bewaffneter Streitkräfte im Sinne des Parlamentsbeteiligungsgesetzes darstellt“, so der Deutsche Bundeswehrverband. (4) **Organisation und Ablauf der Ausbildung** Dass ukrainische Soldaten im Westen ausgebildet werden, ist keine neue Erscheinung: USA, Kanada und Großbritannien führen sie seit September 2022 durch. (SZ, 3.12.22) Die Europäische Union beschloss am 17. Oktober 2022 die EU-Ausbildungsmission für die Ukraine (EUMAM UA) – und finanziert sie auch. (10) Bis Februar 2026 wurden „mehr als 86.000 ukrainische Soldaten“ mit „Unterstützung von 24 EU-Mitgliedsstaaten sowie einigen nicht EU-Staaten“, wie z. B. Norwegen und Großbritannien, nach Westeuropa entsandt. Die Koordination in Deutschland erfolgt durch das Special Training Command (ST-C) in Strausberg bei Berlin. Im Ausbildungsstab sind etwa 100 Personen aus 13 Nationen. (7) 1.500 betätigen sich als Ausbildende und Unterstützende, z. B. zum Übersetzen; sie kommen aus 22 Nationen. (7) In einer anderen Quelle ist von elf Nationen die Rede. (10) Bis Februar 2026 wurden in Deutschland mehr als 25.000 ausgebildet; nicht nur in fast 50 Bundeswehr-Standorten, sondern auch in solchen der Alliierten, wie z. B. der USA in Grafenwöhr (Oberpfalz/Bayern). > _**Die Aus- und Weiterbildung ukrainischer Soldaten soll nicht nur diese befähigen, auch die Bundeswehr möchte von deren Fronterfahrungen profitieren, besonders von dem für sie neuartigen Drohnenkrieg**_ Die Ausbildung erfolgt in verschiedenen Ländern mit jeweils eigenen Schwerpunktsetzungen. In Großbritannien z. B. läuft vor allem die Grundausbildung, mit Ausbildern aus 14 Nationen, darunter Rumänien und Kanada. (3) Ukrainische Soldaten werden auch in Norwegen, Dänemark, Frankreich, Slowakei, Slowenien, Rumänien, Polen, Spanien (Infanterieakademie Toledo), USA usw. ausgebildet. In Deutschland wird vor allem an bestimmten Waffensystemen geübt. Die Ausbildung dauert normalerweise einen Monat, kann aber auch länger oder kürzer sein. Aber die Ukraine drängt, es soll schneller gehen, so nehmen sie immer mehr einen „Crashkurs-Charakter“ an. Auch die mehrfache Teilnahme bestimmter Soldaten an den Kursen kommt vor. (10) Die ukrainischen Soldaten, manchmal sind auch „ein paar Frauen“ (7) dabei, reisen über Polen per Flugzeug nach Berlin, Köln, dann per Bus zu den Ausbildungsorten. Man hat Angst, dass sie die Tuberkulose einschleppen, denn „die Ukraine verzeichnete in den letzten Jahren europaweit eine der höchsten Tuberkulose-Inzidenzen“. Deshalb müssen sich alle einer Lungenuntersuchung unterziehen/Röntgen. Sie werden neu eingekleidet, wobei die Bundeswehr-Hoheitszeichen „abgetrennt“ werden. Unterwäsche, Strümpfe und Stiefel dürfen die Soldaten behalten. (9) Manche ukrainische Soldaten „kommen direkt aus dem Kampfeinsatz“, andere haben „keine oder nur wenig Kampferfahrung“. Es kommt inzwischen immer öfter vor, dass Zugesagte nicht kommen, „weil sie in ihren Einheiten unbedingt gebraucht werden“. (9) Das bestätigt auch Generalmajor Olaf Rohde, Kommandeur des Ausbildungskommandos des Heeres: „Wir bekommen derzeit (2025) leider sehr viele Absagen von den Ukrainern, was geplante Ausbildungen angeht. Das hat gerade zu Beginn dieses Jahres zugenommen. Für mich zeigt das auch, dass es dort Schwierigkeiten gibt.“ Auf Nachfrage nach den Gründen, laute die Antwort aus der Ukraine: „Wir können die Leute nicht schicken, weil wir sie nicht haben.“ Rohde geht davon aus, „dass die Soldaten, die eigentlich kommen sollten, unmittelbar in den Einsatz geschickt wurden.“ Dies beträfe vor allem die Infanterie. „Patriot-Ausbildung, Kampfpanzer-Ausbildung, Schützenpanzer-Ausbildung … ist davon nicht so stark betroffen.“ (7) Die USA bilden auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr aus. „Grafenwöhr ist zwar auf deutschem Boden, aber in der Ausbildungshoheit der Amerikaner.“ (7) Sollten diese keine Ukrainer mehr ausbilden, dann könnte die Bundeswehr das übernehmen. Rohde: „Ich denke schon, dass wir noch Kapazitäten haben.“ (7) Auf die Frage „Könnte die Ausbildung nicht auch in die Ukraine verlegt werden?“, antwortet er: „Das derzeitige Mandat (es gilt bis Ende 2026) besagt ganz klar, es geht um die Ausbildung in Deutschland.“ Aber: „Mir gehen die Gedanken natürlich im Kopf herum.“ (7) Es ist also nicht ausgeschlossen, dass sie zukünftig in die Ukraine verlegt wird. Die rechtliche Problematik schneidet er in dem Interview nicht an. Rohde ist der Ansicht, dass die Ausbildung in Deutschland für die ukrainischen Soldaten vorteilhaft ist: Sie können sich „auch mal entspannen und sich erholen. Sie bekommen etwas Warmes zu essen, sie haben eine warme Unterkunft und es geht ihnen hier gut. (…) Wenn wir die Ausbildung in der Ukraine durchführen würden… wäre jeder Ausbildungsort ein potentielles Ziel.“ (7) Die Verlegung der Ausbildung in die Ukraine hatte im Frühjahr 2025 der französische Präsident Macron angeregt, was dann von Litauen unterstützt wurde. Der schwedische Verteidigungsminister Pål Jonson: „Wir schließen diese Möglichkeit nicht aus.“ (6) Zur Ausbildung in Deutschland, bemerkt Rohde: Die ukrainische Armee habe vielfach noch das „alte sowjetische Führungsdenken“, „da gab es den einen oder anderen Fall, wo ‚die westliche Auftragstaktik‘ schwerer zu vermitteln war.“ (7) Anschließend werden „die Kameraden … als Panzersoldaten oder als Infanteriesoldaten oder Pionier eingesetzt“. (7) Während Rohde noch von verfügbaren Ausbildungskapazitäten spricht, sieht das bundeswehr-journal schon „Auswirkungen auf die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr“. (10) Man könne das nur dann befriedigend durchführen, wenn man „seinen originären Auftrag im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung zeitweise zurückstellt.“ (10) Auch für die Ukraine sei das nicht ohne Risiko, sie müsse „Kräfte aus der überdehnten Front lösen“, damit würden die „Reserven geschwächt“ und „die Reaktionsfähigkeit“ reduziert. (10) Anfang 2025 bemerkte man vermehrt Drohnen an den Ausbildungsorten. Es war klar: „Da steckt bestimmt wieder Russland dahinter.“ Aber es gab bislang keinen Fall, wo man das nachweisen konnte. Besonders russische Schiffe stehen unter Verdacht, dass von dort aus Drohnen starten. Um das zu überprüfen, kaperte die deutsche Polizei Anfang Mai die seit acht Tagen in der Kieler Bucht liegende HAV Dolphin, „traf auf eine siebenköpfige russische Besatzung – fand aber keine Drohne“. (SZ, 4.7.2026) „Es entpuppten sich Drohnenüberflüge über Militäranlagen oder Flughäfen mitunter nicht als Werk russischer Agenten, sondern unbedarfter Teenager.“ (Spiegel, 8.5.2026) Drohnensichtungen sind „auch eine Methode, unsere Kräfte durch Bürokratie zu binden“, so Rohde, denn jeder Fall muss gemeldet und geklärt werden. (7) Die Aus- und Weiterbildung ukrainischer Soldaten soll nicht nur diese befähigen, auch die Bundeswehr möchte von deren Fronterfahrungen profitieren, besonders von dem für sie neuartigen Drohnenkrieg. „In vielerlei Hinsicht nutzen die gewonnenen Erkenntnisse der Ukrainer auch der Erhöhung der Einsatzbereitschaft der Bundeswehr“: „Durch intensiven Austausch mit den ukrainischen Kräften konnte inzwischen das Wissen über das taktische Verhalten und Vorgehen russischer Einheiten deutlich erweitert werden.“ (10) Die Notwendigkeit der Ukraine, Hunderttausende von Frauen und Männern aller Altersklassen in kürzester Zeit auszubilden, käme auch Deutschland zugute. „Dieses Wissen kann zukünftig genutzt werden, um auch Reservisten und Heimatschutzkräften in Deutschland bereits erprobte Ausbildungsmodule anzubieten und so den Aufwuchs leistungsfähiger deutscher Heimatschutz- und Feldersatzverbände rasch und qualitativ hochwertig voranzutreiben.“ (10) Über die Ausbildung von Ukrainern will die Bundeswehr auch erfahren, wie das läuft mit dem Krieg mit Russland, welche Taktiken der Gegner verwendet, und wie man darauf regiert. Das hat man jetzt auch vertraglich festgelegt: Es gibt ein neues Abkommen, „das ukrainische Soldaten als Ausbilder in der Bundeswehr vorsieht, was die direkte Einbindung ukrainischer Kriegserfahrung in die deutsche Ausbildung unterstreicht.“ (11 / Deutscher Bundeswehrverband, 17.2.26) **Wie bewerten die ukrainischen Soldaten die Ausbildung?** Ein ukrainischer Ausbilder, der nach Großbritannien zur Fortbildung kam: „Als wir eintrafen, wussten die Briten selbst nicht, was sie mit uns anfangen sollen, weil wir bereits Ausbilder waren.“ Laut Lehrplan dort dauert die Grundausbildung sechs Wochen. In der Ukraine geschieht das „innerhalb weniger Tage“, so ein ukrainischer Soldat: „Wir erklären in den Raucherpausen, wie man sich zum Beispiel vor einer Drohne versteckt oder einen Graben schließt.“ (8) Die Soldaten werden auch von der Bundeswehr befragt, was sie von der Ausbildung halten. Da kommen durchwegs „euphorische Rückmeldungen“. Aber es gibt auch Kritik: Manchmal wurden sie an Waffen ausgebildet, die sie nicht haben. Sie vermissen die Ausbildung an Drohnen und der Notfallmedizin. Die Errichtung eines Zeltlagers halten sie für unnötig: „Wir verstecken uns gleich in Löchern und bauen nicht erst Zelte ab.“ Die Übung „Rotation im Kampfgebiet“ sei fern der Realität, da es derzeit kaum die Möglichkeit dazu gäbe. Gut seien Übungen im Schießen und „Flucht aus der Gefangenschaft“, z. B. über die Kanalisation. „Aber ich würde nicht sagen, dass alles nützlich war.“ „Es kam uns vor, als würden wir Zeit schinden.“ Andererseits „hatten wir einen Monat Ruhe vom Krieg. Wir waren an einem Ort mit schöner Natur, ohne Fliegeralarm“. (8) Sie haben den Eindruck, dass man großes Interesse an ihren Erfahrungen habe: „Wir sollten ihnen erzählen, wie es bei uns läuft.“ (8) Die Soldaten berichten auch davon, dass offensichtlich „auch welche zur Ausbildung geschickt werden, „die wahrscheinlich nur aufgrund familiärer Beziehungen zu höheren Offizieren zum Training ins Ausland gehen durften. Später werden sie im Hinterland eingesetzt.“ (8) **Ist die Ausbildung im Ausland auch eine Chance zur Flucht?** Der Widerstand gegen die Zwangsrekrutierungen in der Ukraine ist groß. Dass Zwangsrekrutierte besonders gut kämpfen, ist unwahrscheinlich. Deswegen werden zur Ausbildung in den Westen wohl vor allem Motivierte gesandt; Soldaten, die weitergebildet werden und solche die sich freiwillig für den Dienst gemeldet haben. Man schickt aber wohl auch solche, die man aufgrund von Beziehungen vom direkten Kriegseinsatz fernhalten möchte. Jede Kaserne wird bewacht. Unbefugte sollen nicht rein, und Soldaten dürfen ohne Erlaubnis nicht raus. Zuständig dafür sind die Wachen und die Militärpolizei, die auch in der Umgebung ausgebüxte Soldaten wieder einsammeln. Ukrainern bieten sich aber durchaus Gelegenheiten, etwa an freien Tagen oder nach Dienstschluss, beim Einkauf, die Umgebung zu erkunden. Zudem gewährt man ihnen in manchen Fällen auch den Besuch der Familie: „Wenn Partnerinnen und Kinder der Soldaten in Deutschland Zuflucht vor dem Krieg gesucht haben, wird an ausgewählten Tagen die Möglichkeit zum Besuch gegeben.“ (9) Dass sich Auszubildende unerlaubt von der Truppe entfernen, „das passierte schon mal“, so Rohde. (7) Hinter diesem Terminus verbirgt sich eine minder schwer bewertete Desertion. Sollte der Betreffende wieder auftauchen, wird man ihn wohl nicht bestrafen, aber zum Fronteinsatz verdonnern. **Ab März 2027 kein Aufenthaltsrecht mehr?** Angesichts der großen Anzahl ukrainischer Soldaten, die hier ausgebildet werden, gibt es aut „Die Zeit“ vom 20.8.2026 „einige hundert“, die nicht wieder in den Krieg wollen und desertieren. Bislang war es so, dass sie von den Regelungen der EU-Massenzustromrichtlinie profitierten und einen bis März 2027 sicheren Aufenthalt bekamen. Sie konnten hier Unterstützung bekommen, arbeiten und auch eine Berufsausbildung absolvieren. > _**Der Widerstand gegen die Zwangsrekrutierungen in der Ukraine ist groß. Dass Zwangsrekrutierte besonders gut kämpfen, ist unwahrscheinlich. Deswegen werden zur Ausbildung in den Westen wohl vor allem Motivierte gesandt. Man schickt aber wohl auch solche, die man aufgrund von Beziehungen vom direkten Kriegseinsatz fernhalten möchte**_ Das ist der Bundesregierung schon seit längerem ein Dorn im Auge. Schon 2025 hatte der bayerische Ministerpräsident Söder (CSU) die damals erstmals gewährte Ausreisemöglichkeit für nicht-militärdienstpflichtige Ukrainer im Alter von 18 bis 23 Jahren beklagt: „Es ist keinem geholfen, wenn immer mehr junge Männer aus der Ukraine nach Deutschland kommen, anstatt ihre Heimat zu verteidigen.“ (Zeit, 23.10.25) Die EU-Aufenthaltsregelungen für aus der Ukraine geflohene Menschen laufen im März 2027 aus. Bundesinnenminister Dobrindt (CSU) will nun alle „Ukrainer im wehrpflichtigen Alter“ von den Regelungen der EU-Massenzustromrichtline ausschließen. Er hat „Zweifel, dass Ukrainer im wehrpflichtigen Alter darunter zu sehen sind“. (FR, 5.6.26) Zustimmung kommt vom österreichischen Innenminister Gerhard Karner: Er ist „sehr stark dafür, dass man den Automatismus beendet, wenn es um Männer im wehrfähigen Alter geht“. Unterstützung kommt auch vom schwedischen Innenminister Johan Forrsell: „Klar, ist es für uns von entscheidender Bedeutung, den Ukrainern jede Art von Schutz zu gewähren, doch zugleich muss der Krieg geführt werden – und er muss gewonnen werden. Damit dies gelingt, ist es unerlässlich, dass mehr Männer in der Ukraine bleiben und kämpfen.“ (tagesschau.de, 4.6.2026) Kriegsdienstverweigerer, Militärdienstentzieher und Deserteure verweist Dobrindt aufs Asylverfahren. Dort könnten sie individuell prüfen lassen, ob sie die Bedingungen erfüllen. „Ich glaube, auf den Weg kann man sich begeben.“ (ebd.) Da dürften aber die Chancen auf einen Schutz sehr gering sein. Lediglich jene, die zusätzlich zu ihrer Kriegsdienstverweigerung, auch in der Öffentlichkeit sich gegen den Krieg und die politischen Verhältnisse in ihrem Land aussprechen, dürften eine gewisse Chance haben. **Aktueller Nachtrag:** Deutschland konnte sich in der EU nicht zu 100 Prozent durchsetzen. Die Anwendung der EU-Massenzustromrichtlinie soll aber ab März 2027 für neu ankommende ukrainische Männer im Alter von 23 bis 60 Jahren nur noch angewandt werden, wenn sie legal ausgereist sind, also den Kriegsdienst beendet haben oder ihn nicht antreten mussten. Im Vorgriff darauf haben seit Juli 2026 verschiedene deutsche Innenministerien den Ausländerbehörden untersagt, Neuankommenden, also auch den in Deutschland Desertierten, diesen Schutz noch zu gewähren. (12) Verwendete Quellen: (1) Wissenschaftliche Dienste – Deutscher Bundestag: Rechtsfragen der militärischen Unterstützung der Ukraine durch NATO-Staaten zwischen Neutralität und Konfliktteilnahme (WD 2 – 3000 -019). 16.3.22 (2) Gutachten: Deutschland könnte durch Ausbildung ukrainischer Soldaten als Kriegspartei eingestuft werden. Deutsche Wirtschaftsnachrichten, 2.5.22 (3) Polen und Großbritannien bilden ukrainische Soldaten an Kampfpanzern aus. Die Presse/Österreich – 15.2.23 (4) Deutscher Bundeswehrverband: EU-Staaten erhöhen Ziel für Ausbildung ukrainischer Soldaten. 1.2.24. (5) Miriam Montag: Ausbildung ukrainischer Soldaten als Kriegsbeteiligung? Beck-aktuell, 2.5.22 (6) Aurélie Pugnet: EU will bis 2025 zusätzlich 15.000 ukrainische Soldaten ausbilden. Euractiv.com, 30.8.24 (7) T. Wiegold: Ausbildung ukrainischer Soldaten in Deutschland: Vielleicht demnächst Ersatz für US-Training, Verlegung in die Ukraine kein Thema. (Interview mit Rohde). Augengeradeaus, 3/25 (8) Hanna Sokolova-Stekh: Ukraine: Was bringen den Soldaten Übungen im Ausland? – Deutsche Welle, 5.3.25 (9) RSOM: Der Weg ukrainischer Soldatinnen und Soldaten zur Ausbildung. bundeswehr.de, 6.3.25 (10) In Deutschland wurden bislang rund 21.000 ukrainische Soldaten militärisch ausgebildet. Beitrag von Oberst i.G. Dirk Hamann. Bundeswehr-journal, 21.7.25 (11) Deutschland holt sich Kriegserfahrung direkt aus der Ukraine. Facebook, Faktglaublich – 16.2.26. https://www.facebook.com/faktglaublich/posts/1356872846486288/ (12) Ekaterina Fomina, Maxim Kireev: Er will nicht kämpfen. Die Zeit Nr. 36, 20.8.26 Franz Nadler analysierte im Sommer 2026 in der GWR 510 die Kriegsvorbereitungen in Frankreich.Er hat den Verein Connection 1993 mitbegründet und ist heute sein Vorsitzender. Connection e.V. unterstützt weltweit Männer und Frauen, die nicht in einen Krieg ziehen wollen, die jeglichen Kriegsdienst verweigern oder als Deserteure den Massenmord auf Befehl sabotieren. Kontakt: https://connection-ev.org/ **Dies ist ein Beitrag aus der aktuellen Ausgabe der Graswurzelrevolution. Schnupperabos zum Kennenlernen gibt es _hier._** ###### **Wir freuen uns auch über Spenden auf unserSpendenkonto.** Leitartikel
www.graswurzel.net
September 27, 2026 at 5:11 PM